101. Todestag Henry Dunants, 30. Oktober 2011, Heiden
Gedenkansprache von Markus Mader, Direktor des SRK
100 Millionen Mitglieder und 13 Millionen Freiwillige weltweit - 500‘000 Mitglieder und 72‘000 Freiwillige in der Schweiz. Das ist das Rote Kreuz heute. Die grösste und wichtigste humanitäre Organisation der Welt und in unserem Lande. Henry Dunants Vision hat sich erfüllt in Bezug auf das weltumspannende Netz des Roten Kreuzes, leider noch nicht was eine Welt ohne Kriege und Konflikte angeht.
Meine sehr geehrten Damen und Herren
Liebe Freundinnen und Freunde aus der Rotkreuz-Bewegung
Vor zehn Jahren war das Gedenken an Henry Dunant Anlass zur Feier der damals 100 Jahre seit der Verleihung des ersten Friedens-Nobelpreises. Vor einem Jahr, anlässlich des 100. Todestages Dunants, waren seine Persönlichkeit und sein Werk präsenter denn je - dank des beeindruckenden Einsatzes des Vereins Dunant-Jahr, der Gemeinde Heiden, des Dunant-Museums, des RK-KV beider Appenzell und zahlreicher Freiwilliger. Als Direktor des SRK möchte ich Ihnen allen nochmals meinen Dank für dieses grossartige Engagement aussprechen.
Dieses Jahr gibt das Europäische Jahr der Freiwilligenarbeit Anlass zur Würdigung dessen, was Dunant geschaffen hat: freiwillige Hilfe in ausserordentlichen Notsituationen. Zuerst spontan angesichts des Elends auf dem Schlachtfeld von Solferino vor über 150 Jahren, aus der unmittelbaren Betroffenheit von Henry Dunant. Dann mit der Gründung des Roten Kreuzes und der Organisation, wie sie jede Freiwilligenarbeit für die Rekrutierung, die Ausbildung, die Vorbereitung, die Begleitung und das Management der Einsätze braucht. Die Initiative war anfänglich ausgerichtet auf Hilfsorganisationen zum Einsatz in Konfliktsituationen, dann ausgeweitet auf Einsätze auch im Frieden bei Epidemien, Katastrophen etc.
Dahinter steht die Erkenntnis, dass Aktivitäten in Friedenszeiten das Rote Kreuz und seine Bedeutung im Bewusstsein aller Akteure festigt und so eine Voraussetzung für die Aktivität in Konfliktsituationen schafft. Deshalb erfolgte die Ausweitung des Rotkreuz-Engagements in den sozialen Bereich, mit der Hilfe für Opfer von Krisen und dem Schutz von besonders gefährdeten Personen und Gruppen. Wohl erfolgte die Ausweitung auf soziale und gesundheitliche, zivile Aktivitäten in Friedenszeiten vor dem Hintergrund politischer und gesellschaftlicher Entwicklungen. Dennoch spiegelt sie die breit angelegten Initiativen des Visionärs Dunant, der weit über den Rotkreuz-Rahmen hinaus blickte und seiner Zeit in manchen Bereichen voraus war.
Max Huber (Präsident des IKRK 1928-1944) hat geschrieben: „Unter dem Roten Kreuz verstehen wir die Bewegung zur Organisierung freiwilliger Hilfe.“ Diese grossartig selbstverständliche Feststellung machte Huber vor etwa 70 Jahren. Sie ist heute genau so gültig: Aus Dunants Initiative ist ein weltumspannendes Werk geworden, getragen von unzähligen Menschen, für die der und die Andere in erster Linie Mitmensch ist.
Die lebendige Kraft dieser Initiative zeigt sich darin, dass Rotes Kreuz und Roter Halbmond mit gegen 100 Millionen Mitgliedern und 13 Millionen Freiwilligen weltweit die bedeutendste Freiwilligenorganisation sind. Das gilt auch für die Schweiz, wo das SRK mit seinen 29 Mitgliedorganisationen (24 RK-KV, 1‘200 Samaritervereinen, Redog, SMSV, SLRG, Rega) und einer halben Million Mitgliedern und 72‘000 Freiwilligen (das entspricht fast einem Prozent der gesamten Bevölkerung des Landes) die grösste Freiwilligenorganisation im Bereich Gesundheit, Soziales und Rettung ist.
Ohne den freiwilligen Einsatz all dieser Menschen könnte der Staat – überall auf der Welt, und selbst im reichen Westeuropa – viele wesentliche Aufgaben kaum finanzieren und nicht so erfüllen, wie dies heute der Fall ist.
Angesichts der zwar zahlenmässig abnehmenden, aber immer noch andauernden Konflikte, der sich häufenden Naturkatastrophen, der um sich greifenden Epidemien, der hartnäckigen sozialen Krisen, welche durch die aktuelle Wirtschaftslage für das Rote Kreuz noch spürbarer werden, und der fortschreitenden Alterung der Bevölkerung in reichen Ländern ist freiwillige Hilfe nötiger denn je.
Oft sind Rotkreuz-Freiwillige als erste zur Stelle, wo Not ist – ganz nach dem Vorbild von Solferino. Dies illustriert, welche wichtige Rolle das Rote Kreuz als Freiwilligenorganisation im Dienst benachteiligter Menschen spielt, und welch wichtiger Partner des Staates es in dieser Rolle ist. Wir ehren im aktuellen europäischen Jahr der Freiwilligenarbeit all die Menschen, die sich im Geist Henry Dunants freiwillig für ihre Nächsten und zur Linderung von Not engagieren. Das SRK hat kürzlich ein Fest für sein Freiwilligen organisiert, über 7‘000 Personen haben teilgenommen, es war ein Geschenk für all diese Freiwillige aus den 29 Mitgliedorganisationen, ein Zeichen der Anerkennung für ihren tatkräftigen Einsatz.
Das Engagement der Freiwilligen verdient aber auch die Unterstützung und eine stärkere Anerkennung durch Staat und Gesellschaft.
Über die finanzielle oder wirtschaftliche Bedeutung hinaus: Freiwilligenarbeit ist von grösster Bedeutung für das Wohlergehen hilfsbedürftiger Menschen. Was für sie das Leben lebenswert macht, kann nicht für Geld erworben werden: Anteilnahme, Sorgfalt, Ermutigung, Geduld. In seiner Erinnerung an Solferino bezog sich Dunant auf die Sanitätshilfe, als er schrieb, „für diese Aufgabe könne man keine Lohnarbeiter gebrauchen“. Das tönt hart und ist sicher zu absolut formuliert. Es hat aber „cum grano salis“ auch einen Grad an Richtigkeit, auch für das Gesundheits- und Sozialwesen, wo die Rotkreuz-Freiwilligen tätig sind. Die uneigennützige mitmenschliche Zuwendung, zu der sie bereit und fähig sind, ist von Lohnarbeitern, die unter wachsendem Leistungsdruck stehen, in der gleichen Form nicht zu erwarten.
Freiwillige kümmern sich um Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen in Not sind oder auf der Schattenseite des Lebens stehen, Verunfallte, Kranke, Vereinsamte, Ausgegrenzte, Verlassene, um „les plus vulnérables“. Sie vermitteln ihnen die Gewissheit, in welcher Lage auch immer, als Person mit ihrer Würde akzeptiert und geachtet zu sein – denn jeder Mensch ist mit Würde ausgestattet, jeder Einzelne für sich, weil jeder Mensch für die gesamte Menschheit steht. Diese Haltung ist auch eine Grundlage für die Verwirklichung der Rotkreuz-Grundsätze der Menschlichkeit und der Unparteilichkeit.
Freiwilligenarbeit im Geiste Dunants setzt so auch einen Gegenakzent zum Egoismus und zu den spaltenden, zerstörerischen Kräften, die die Welt mit Leid überziehen. Sie verbindet Menschen, sie schafft Miteinander und Gemeinschaftssinn, sie überwindet Gräben und Grenzen. Die Rotkreuz-Freiwilligen weigern sich, das Eigene über das Andere zu stellen. Sie verkörpern Mitmenschlichkeit. Ihre Ehrung und die Würdigung ihres humanitären Einsatzes anlässlich des Jahres der Freiwilligenarbeit bedeutet auch eine Ehrung der Persönlichkeit Dunants und seines Werks. Es ist deshalb eine besonders schöne Symbolik, dass das Gedenken an Dunant heute mit dem Läuten der Friedensglocke angestimmt wurde. Ihr Klang mahnt uns, sein Engagement für eine bessere, menschlichere, friedlichere Welt in der Rotkreuz-Bewegung weiter zu leben. Tag für Tag, überall.
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